Freiwilligendienst in der “Rainbow-Nation” – Kim Damer war in Südafrika

Meine Kern-Message von dem Ganzen ist, dass es mega nice ist, Freiwilligendienste zu machen, aber man macht sie für sich, das habe ich zwar auch erst im Nachhinein 100 Prozent gecheckt. – Kim Damer war nach dem Abitur in Südafrika und berichtet von ihren Erfahrungen.

Das Abi frisch in der Tasche, 18 Jahre alt, entscheidet sich Damer einen Freiwilligendienst in Südafrika zu machen. Entsendet wurde die heute 21-Jährige von dem Verein Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners. Das Programm lief unter der Dachorganisation weltwärts. Ihre Einsatzstelle war das Kinderheim Vulamasango in Philippi, einem Township von Kapstadt, Südafrika. Mittlerweile studiert Damer International Business Administration in Frankfurt. Sie hat uns von 23 Grad von ihren Erfahrungen in der “Rainbow Nation” erzählt.

Von Simon Bitsch

Kim Damer in Südafrika (Quelle: privat)

“Schon vor der Abizeit wusste ich, ich will nicht direkt anfangen zu studieren, sondern vorher noch andere Erfahrungen sammeln. Dann gab es drei Optionen: Zum einen ein Au-pair-Jahr zu machen, zum anderen Work and Travel oder eben einen Freiwilligendienst im Ausland. Ich hab mich dann relativ schnell für den Freiwilligendienst entschieden.

Im Englisch Leistungskurs war Südafrika unser ‘Country of Reference’. Da fand ich das Land schon ziemlich spannend, wegen seiner Geschichte und auch dieser ‘Rainbow-Nation’ Aspekt hat mich interessiert. 

Dann habe ich bei weltwärts viel geschaut und bin auf die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners gekommen. Dort habe ich gesehen, dass sie super viele Einsatzstellen in Südafrika haben. Man bewirbt sich erst bei den Freunden und wird dann für eine Liste von Einsatzstellen zugelassen. Die habe ich dann ein bisschen durchgestöbert und mich bei meinen fünf Lieblingseinsatzstellen beworben. Mein Erstwunsch war Vulamasango in Philippi und dort bin ich dann auch gelandet. 

Vulamasango ist Xhosa, das ist die Sprache, die man teilweise in Südafrika spricht, und bedeutet ‘offene Tore’. Vulamasango ist ein ‘Child and Youth Care Center’, also ein Kinderheim, kein Waisenheim. Nicht alle Kinder, die dort leben, sind Vollwaisen.

Ich hatte über meine Entsendeorganisation Vorbereitungsseminare: zuerst ein Auftaktseminar für ein Wochenende in Karlsruhe und dann ein zehntägiges Vorbereitungsseminar in Wetzlar. Da habe ich dann auch meine Mitfreiwilligen kennengelernt. Wir waren insgesamt zu sechst in meiner Einsatzstelle, drei Jungs, drei Mädchen, alles Deutsche. Und dann bin ich Ende August 2019 nach Südafrika geflogen. 

Ich bin angekommen und war natürlich erstmal komplett überfordert mit dieser ganzen Situation. Wir sind alle gleichzeitig angereist, das heißt wir waren alle in derselben Situation. In Vulamasango leben 36 Kinder zwischen null und 18 Jahren. Das heißt, es ist immer viel los. Und das hat uns in der ersten Zeit auch komplett erschlagen, aber auf eine positive Art und Weise. Man hat direkt gemerkt: ‘Okay, die können unsere Hilfe hier gut gebrauchen’. 

Wir wurden direkt eingespannt und uns wurde viel gezeigt. Die Kinder haben viel mit uns gesprochen und wollten ganz viel über uns wissen. Wir hatten alle vorher ein bisschen Angst, wie das sein wird, weil in dem Moment, als wir ankamen, sind gerade die letzten Freiwilligen abgereist. Und das ist für die Kids natürlich schwierig und wir hatten auch mit ein bisschen Ablehnung gerechnet, von wegen ‘Ja, wo sind denn die Alten? Und die waren viel toller’, und so. Dem war aber gar nicht so. Das heißt, wir wurden mit offenen Armen empfangen. 

Nach und nach haben wir unsere Tätigkeiten immer mehr gecheckt. Das waren hauptsächlich Fahrdienste. Ich habe Kinder zur Schule gebracht, sie wieder abgeholt und sowas wie Elternabende besucht. Dann haben wir viel auf der Farm mit den Kids gearbeitet, was eben so im Alltag von Kindern anfällt. Das konnte sein, Hausaufgaben zu machen oder die Kinder tagsüber zu beschäftigen. 

Am Anfang war das besonders schwer, weil wir für alle Ideen, die wir so hatten, ein kleines Budget brauchten. Dann haben wir uns viele, einfache Sachen ausgedacht, für die wir keine Ressourcen brauchten. Zum Beispiel haben wir Olympische Spiele veranstaltet. Wir haben aber auch ganz viel gemalt oder Sport mit den Kindern gemacht: Volleyball und Fußball. Später haben wir sogar Fahrräder gespendet bekommen. 

Kim Damer mit Ihren Mitfreiwilligen in Südafrika (Quelle: privat)

Vulamasango ist in Philippi, einem der größten Townships von Kapstadt. Und wir haben auf einem Farmgelände gewohnt. Das heißt, da war alles eingezäunt, wir konnten nur durch dieses eine Tor auf das Gelände. Die Ansage war: ‘Ohne Begleitung geht ihr auch nicht einfach raus.’ Wir mussten uns, vor allem am Anfang, sehr streng daran halten. Irgendwann hat man dann ein Gefühl dafür bekommen und ich konnte mich gegen Ende frei in diesem Township bewegen, weil mich die Leute dort kannten. 

Als Europäer:in muss man ein bisschen aufpassen, weil man mir durch meine Hautfarbe einfach ansieht, dass ich wahrscheinlich viel, viel mehr Geld besitze, als alle, die dort leben. Aber wenn man den Menschen dort auf Augenhöhe begegnet, dann wird man relativ schnell eingebunden und zu Feiern oder Gottesdiensten eingeladen. Am Ende habe ich mich dort sehr wohlgefühlt.

Ein Mitarbeiter von Vulamasango, war nicht viel älter als wir. Der hat uns dann am Anfang viel mitgenommen und seinen Freunden vorgestellt. Wir haben uns dann ganz schnell mit super vielen Menschen dort sehr, sehr gut verstanden und zusammen Ausflüge gemacht. 

Das war für unsere neuen Freunde dort natürlich cool, weil wir uns relativ schnell vor Ort ein großes Auto gekauft haben und sie so auch einfach mal mitnehmen konnten. Zum Beispiel zu irgendwelchen Stränden, wo wir mal hin wollten. Und im Gegenzug zeigten sie uns ihre Areas.

Eins von meinen Highlights war eine Feier von Aphelele. Das ist ein Junge, so grob in unserem Alter. Vulamasango ist zwar dieses Kinderheim an sich, aber die haben auch sowas wie eine ‘After School Care’. Da kommen Kids einfach nach der Schule direkt zu uns auf die Farm, bekommen warmes Essen und haben AGs und Hausaufgabenbetreuung. Aphelele war früher in der ‘After School Care’. Und der hatte uns auf eine Party eingeladen. Uns war am Anfang nicht so ganz klar, was für eine Party das sein wird.

Die Party war dann seine Abschiedsparty. Weil im Stamm der Xhosa ist es eben so, dass Jugendliche, beziehungsweise junge erwachsene Männer, nach ihrem 18. Geburtstag für drei Wochen in den Busch gehen und da sozusagen ‘zum Mann’ werden. 

Da gibt’s dann verschiedene Rituale, manche sind sehr krass, manche weniger krass. Davor findet so eine Zeremonie statt und dazu hat er uns eingeladen. Wir waren dann bei ihm zu Hause und es wurde komplett laut gesungen, an Türen getrommelt und das ging richtig ab. Das war so ein Moment, wo wir alle gemerkt haben: ‘Krass, wir sind jetzt hier angekommen und auch irgendwie so ein bisschen Teil dieser Community geworden.’ 

Am Anfang haben wir auf die ganzen Rituale, die es gibt, natürlich durch die europäische Brille geguckt und gedacht: ‘Das ist irgendwie super strange’, und ‘Was machen die da.’ Aber wenn man dann so mittendrin steckt, checkt man, dass das hier halt so gemacht wird.

Also ich glaube, wir wurden schon vorher, meiner Meinung nach, sehr, sehr gut sensibilisiert von unserer Entsendeorganisation. Das heißt, wir wurden eben genau davor gewarnt, nicht alles, was wir neu kennenlernen, direkt in unsere Schubladen zu stecken, sondern es einfach anzunehmen. Und ich glaube, wir haben uns alle sehr, sehr große Mühe gegeben, das auch so zu machen und haben uns auch nicht gescheut nachzufragen. 

Die Kinder aus der After School Care in Vulamasango  (Quelle: privat)

In Vulamasango war jeder Tag komplett anders und es war immer viel zu tun. In der After-School-Care habe ich zum Beispiel Hip-Hop Unterricht gegeben, also dort quasi als Tanzlehrerin gearbeitet. Ich war aber nie ‘Teacher Kimsi’ oder so, sondern einfach ‘Volunteer’. Wir waren auch mit den Kindern sehr, sehr verbunden. 

Ich muss sagen, was mir auch teilweise erst im Nachhinein klar geworden ist, ist, dass ich eine super geile Zeit dort hatte und sehr, sehr viel über mich gelernt habe. Am meisten, glaube ich, habe ich von den Kids gelernt. 

Ich habe ganz viele individuelle Storys von denen mitgenommen. Und ich habe gesehen, dass die Kids sich nicht so schnell unterkriegen lassen, auch wenn sie vielleicht einen schwierigen Start ins Leben hatten. Diese Freude, die die Kinder immer an den Tag gelegt haben: Du stehst auf und läufst erstmal fünf Kindern in die Arme, die dich alle einmal drücken wollen.

Eine Story, die mir sehr in Erinnerung geblieben ist, ist die eines achtjährigen Mädchens, das mit ihren zwei Geschwistern in Vulamasango lebt. Jedes Kind hatte eine Person, zu der es vor allem geht. Und bei dem Mädchen war das eben ich. 

Sie ist sehr, sehr schrecklich aufgewachsen. Ihre Mama ist ganz früh verstorben, ihr Vater ist ein ganz schrecklicher Mann. Sie hat mir erzählt, dass sie zu Gericht muss. Sie kam dann von diesem Wochenende wieder und hat mir total stolz erzählt, wie sie gegen ihren Vater ausgesagt hat, der ihr gegenüber saß und sie dabei nicht weinen musste. Da war sie so super stolz drauf. Und ihr Gesicht dabei zu sehen und diese Stärke, die ich bei ihr gesehen habe, auch wenn sie das eigentlich als so junges Mädchen noch nicht brauchen sollte, da habe ich echt gedacht: ‘Wenn die so stark sein kann, dann kann ich das auch.’

Eine der größten Challenges für mich, war auch zu realisieren, dass ich nur für eine kurze Zeit da bin und dann wieder ins schöne Deutschland verschwinde. Die Kinder fragen dann alle immer so: ‘Hey, wann kommst du denn wieder? Wann kommst du uns besuchen?’ Und dann halt zu wissen, dass das jetzt im nächsten Jahr erstmal nicht passieren wird, das war auf jeden Fall schwierig. 

Als Corona aufkam, haben wir sehr über Deutschland und Europa gelacht und wir dachten alle, die sollen mal chillen. Und dann auf einmal ging das relativ schnell, dass ein anderer Deutscher dort zu mir gesagt hat: ‘Ey, ich glaube, wir müssen nächste Woche nach Hause fliegen.’ Wir alle sagten dann so: ‘Chill mal!’ Doch dann haben alle irgendwie angefangen, E-Mails an die Freunde der Erziehungskunst zu schreiben. ‘Wie sieht es aus? Müssen wir jetzt gehen?’ 

An einem Tag kam dann eine E-Mail, in der stand: ‘Macht euch keine Sorgen. So schnell fährt hier keiner nach Hause.’ Und dann haben sich die Ereignisse aber so überschlagen, dass schon einen Tag oder maximal zwei Tage später wieder eine Mail kam. In der stand, dass wir uns um unsere Rückflüge kümmern müssen und wir alle nach Hause müssen. Das war am Anfang dann komplett scheiße, weil es sich erstens so angefühlt hat, als ob man abbricht, was man ja auch irgendwie macht. Und gleichzeitig tat es mir für Vulamasango leid. 

Man bekommt von weltwärts ein Taschengeld und Geld von den Freunden, aber die Einrichtung Vulamasango bezahlt uns nicht. Das heißt in meinem Fall sind das sechs Vollzeitkräfte, die leider viel mehr als acht Stunden am Tag arbeiten und die fielen dann einfach weg. Dafür können wir natürlich in dem Moment nichts, aber war halt trotzdem ein unschönes Gefühl, wenn man sie da dann einfach so zurücklässt, mit dem Wissen, dass sie sich jetzt um sechs neue Vollzeitkräfte kümmern müssen, die sie halt normal bezahlen müssen.

Kim Damer am Tafelberg bei Kapstadt (Quelle: privat)

Meine Kern-Message von dem Ganzen ist, dass es mega nice ist, Freiwilligendienste zu machen, aber man macht sie für sich, das habe ich zwar auch erst im Nachhinein 100 Prozent gecheckt. Ich hatte da eine geile Zeit, ich hatte mega viele krasse Momente, aus denen ich sehr viel lernen konnte. 

Man macht es aber nicht, weil man die Welt ein Stück besser macht, man macht es nicht, weil man den Kindern dort hilft und man macht es auch nicht, weil man irgendwie voll der Gutmensch ist. Und das ist eine Einstellung, die man manchmal, glaube ich, vorher hat. Die sollte man aber auf jeden Fall ablegen. Es ist völlig fine, wenn man sagt: ‘Ich hab da Bock drauf und ich mach’ das für mich.’ Aber halt eben nicht dieses: ‘Ey, ich tu’ was Gutes, weil ich einen Freiwilligendienst mache’, weil das stimmt einfach nicht.”

5 Fakten zu Südafrika

– In Südafrika werden viele verschiedene Sprachen gesprochen. Elf dieser Sprachen sind sogar Amtssprachen.
– Die Südafrikaner sagen, dass in Kapstadt die Townships gefährlicher sind und die Stadt weniger, in Johannesburg sei es genau umgekehrt.
– Kapstadt ist Afrikas queere Hauptstadt und bewege sich sogar auf Augenhöhe mit San Francisco oder Tel Aviv. 
– Südafrika hat drei Hauptstädte: Die Regierung sitzt in Pretoria, das Parlament in Kapstadt und das Oberste Berufungsgericht in Bloemfontein.
– Südafrika gehört als einziges afrikanisches Land zu den G20-Staaten.

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