“Geld ist nicht der Hauptfaktor im Leben, der einen Menschen glücklich macht” 

Ghana – ein Land, in dem Geld trotz eines enormen Goldvorkommens nur eine untergeordnete Rolle spielt. Über die ghanaische Lebenseinstellung, den europäischen Einfluss auf die Straßen Ghanas und Vorurteile gegenüber Afrikanern und Europäern sprechen wir von 23 Grad mit Valentin Geis. Der 24-Jährige hat dort ein Jahr lang als Jugendfußballtrainer bei einem Freiwilligendienst gearbeitet.

Von Marc Ebling

Coach Valentin mit seiner Mannschaft (Quelle: privat)
Valentin Geis (links)

Valentin Geis ist 24 Jahre alt und studiert Jura an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Zu seinen Leidenschaften gehört neben dem Reisen auch der Fußball, dem er seit seiner Kindheit nachgeht. 2017 gab ihm ein Freiwilligenprojekt in Ghana die Möglichkeit, beides miteinander zu verbinden. Auch heute tauscht sich der Rheinhesse noch regelmäßig mit ehemaligen Spielern aus, deren Karriere und Leben er über ein Jahr lang begleitet hat.

Warum hast du dich damals für den Freiwilligendienst entschieden und wie bist du auf Ghana gekommen?

Geis: Nach dem Abi hatte ich noch keinen direkten Zukunftsweg. Ich wusste nicht, in welche Richtung ich gehen soll, weil mich zu der Zeit auch kein Studiengang so richtig gecatcht hat. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, erstmal ein Jahr ins Ausland zu gehen. Der Zeitpunkt war damals sehr günstig für mich und die Möglichkeit, so frei von Pflichten zu sein, bekommt man im Leben ja nur selten. Ich habe mich dann zum Beispiel auf einer Abiturmesse über verschiedene Freiwilligenprojekte im Ausland informiert und gesehen, dass es auch Fußballprojekte gab. Da ist mir die Storm Soccer Academy in Ghana direkt ins Auge gesprungen, weshalb ich mich dort beworben habe und glücklicherweise auch schnell angenommen wurde.

Das hört sich ja nach einem Perfect Match an! Was wusstest du über Ghana und welchen Eindruck hattest du vom Land, bevor du dort hingereist bist?

Geis: Vor meiner Bewerbung wusste ich ehrlich gesagt außer der groben Lage in Afrika sehr wenig, weshalb ich mich als Allererstes über die Sicherheit des Landes und die Sprache informiert habe. Dass Ghana für afrikanische Verhältnisse ein sehr sicheres Land ist und dort Englisch gesprochen wird, hat mir ein gutes Gefühl gegeben und die wenigen Bedenken, die ich hatte, verschwinden lassen. Mir war es aber auch wichtig, mit so wenigen Vorurteilen wie möglich in das Land zu reisen, um offen für jegliche neue Eindrücke zu sein.

Was waren deine Aufgaben vor Ort?

Geis: In erster Linie war ich Trainer von zwei Jugendmannschaften – der U15 und der U17. Neben dem täglichen Training nach den Hausaufgaben war ich für die Kinder auch jederzeit als Betreuer und Ansprechperson da, wenn jemand mal Probleme hatte. Die Jungs leben in der Regel ja getrennt von ihren Familien im Internat, weshalb es für sie auf jeden Fall wichtig ist, eine Bezugsperson zum reden zu haben. Außerdem habe ich den Coach der ersten Mannschaft und Chef des Projekts bei seinen Aufgaben unterstützt und bin zum Beispiel mit ihm durch das Land gereist, um neue Talente für die Akademie zu scouten.

(Quelle: privat)

Du hast ja eben schon erwähnt, dass du versucht hast, den Menschen vor Ort so wenig voreingenommen wie möglich gegenüber zu treten. Vorurteile können letztendlich aber auch einen positiven Effekt haben, wenn sich negative Stereotypen als falsch herausstellen. Gab es da bei dir so einen Fall?

Geis: Wenn man den Begriff “Dritte Welt” hört, bekommt man vielleicht den Eindruck, dass die Menschen aufgrund der schwächeren wirtschaftlichen Lage, ihrer geringeren finanziellen Mittel etc. unglücklicher wären. Was diese These angeht, sind bei mir auf jeden Fall Zweifel gekommen. Zwar haben sich einige Menschen, die ich getroffen habe, auch des Öfteren mal beschwert, aber meistens haben sie auf mich einen sehr glücklichen Eindruck gemacht.

Denkst du, dass das vielleicht einfach eine andere Art glücklich zu sein ist, die wir in Europa nicht kennen?

Geis: Genau. Je länger ich dort war, desto mehr habe ich gemerkt, dass Geld dort nicht der Hauptfaktor im Leben ist, der einen Menschen glücklich macht. Die Ghanaer sind grundsätzlich sehr positiv eingestellt und sehen in fast allem etwas Gutes.

Wie sieht das denn umgekehrt aus? Hast du während deiner Zeit Vorurteile wahrgenommen, die die Ghanaer:innen gegenüber dir oder Europäer:innen im Allgemeinen haben oder hatten?

Geis: Tatsächlich habe ich einige Vorurteile bemerkt, über die ich auch mit den Spielern und Menschen um mich herum gesprochen habe. Ich glaube, das war meistens auch nicht böse mir gegenüber gemeint, sondern eher das allgemeine Bild, was die Menschen dort von Europäern haben. Das Vorurteil, mit dem ich am meisten konfrontiert wurde, war, dass jede weiße Person reich ist und über unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten verfügt. Das hat sich zum Beispiel insofern geäußert, dass ich öfter mal nach Geld gefragt wurde. Ein anderes weit verbreitetes Vorurteil, das damit so ein bisschen im Zusammenhang steht, ist, dass Weiße weniger arbeiten müssen – zumindest körperlich – und deswegen schwächer als Afrikaner sind.

Hattest du den Eindruck, dass die Menschen dich deswegen anders behandelt haben?

Geis: Teilweise schon. Ich habe oft gesagt bekommen: ”Nein, das kannst du bestimmt gar nicht” – zum Beispiel beim Wäsche waschen oder Tragen von schweren Gegenständen. Das haben die aber ziemlich sicher nicht böse gemeint (lacht).

Hast du mal mit ihnen über ihre Vorurteile oder auch generell das Leben in Europa gesprochen? Gerade im Fußball ist es ja wahrscheinlich der Traum von vielen Spieler:innen, bei einem großen europäischen Verein unter Vertrag zu kommen, oder?

Geis: Definitiv ist es von jedem Spieler das Ziel gewesen, es nach Europa zu schaffen. Einige waren sehr interessiert und haben mir viele Fragen gestellt, zum Beispiel welche Unterschiede es zwischen den europäischen Ländern gibt. Allerdings hatte ich auch den Eindruck, dass viele schon ein gefestigtes Bild von Europa hatten, das nicht immer der Wahrheit entsprochen hat.

Kannst du vielleicht ein Beispiel nennen, wie jemand aus Ghana über Deutschland oder Europa denkt oder gedacht hat?

Geis: Zum Beispiel, dass es in Deutschland viel einfacher ist, reich zu werden oder als Fußballer entdeckt zu werden, im Vergleich zu Afrika. Ich habe versucht, mit diesem Gerücht aufzuräumen und erzählt, dass es auch in Deutschland viele Menschen gibt, deren Traum Profifußballer zu werden, nicht in Erfüllung geht und allgemein nicht jeder Deutsche automatisch viel Geld besitzt. Oder dass alle Europäer wenig arbeiten müssen. Mir ging es darum, den Spielern zu zeigen, dass in Europa auch nicht alles perfekt ist, wie einige von ihnen angenommen haben.

(Quelle: privat)

Durch den Austausch nimmt man ja viele neue Informationen mit. Was hat das Jahr in Ghana dir persönlich gebracht – mal abgesehen von den schönen Momenten, die du erlebt hast ?

Geis: Ich habe auf jeden Fall neue Perspektiven dazugewonnen, zum Beispiel, dass es verschiedene Wege und Systeme gibt, wie man sein Leben gestalten kann, um glücklich zu werden. Auch meine globale Wahrnehmung hat sich extrem geändert. Wie stark beispielsweise Afrika und Europa miteinander verknüpft sind und welche Auswirkungen gewisse Lebensstile von uns Europäern auf andere Kontinente hat, hätte ich vorher echt nicht gedacht. Ein Beispiel dafür wäre die enorme Anzahl aussortierter europäischer Autos, die in Ghana rumgefahren sind, oder die Müllberge in Accra, auf denen auch jede Menge europäischer Abfall abgelagert wird. Das gibt einem nochmal so ein größeres Gesamtbild der Welt.

Vielen Dank für das Gespräch!

5 Fakten zu Ghana

– In Ghana werden Männer und Frauen nach dem Wochentag benannt, an dem sie geboren werden.
– Ghana war ab 1820 eine britische Kolonie und schaffte es 1957 als erstes Land aus dem Subsahara-Raum, sich von der Kolonialherrschaft zu befreien.
– Von den britischen Kolonialherren wurde Ghana aufgrund der vorhandenen Bodenschätze meistens nur “gold coast colony” (zu deutsch “Goldküste”) genannt.
– Trotz 30 Millionen Einwohnern gibt es in Ghana nur zwei Großstädte mit mehr als 400.000 Bewohnern (Accra und Kumasi mit jeweils 2 Millionen).
– Obwohl es über 70 verschiedene Sprachen und Dialekte in Ghana gibt, ist Englisch die offizielle Amtssprache.

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