Sommer, Sonne, Sand – Wer vom Rohstoffmangel am meisten profitiert

Er ist die meistverwendete Ressource nach Wasser und zeitgleich ein heimlicher Held: Sand findet in fast allen Bereichen unseres täglichen Lebens Verwendung. Doch gerade weil das Naturgut so beliebt ist, wird es immer knapper. Dadurch ist das Sand-Geschäft besonders für Kriminelle attraktiv geworden und bringt viele in Gefahr.

von Alina Schmidt

Sand gibt es wie.. Sand am Meer? Wohl kaum, denn der Rohstoff wird langsam knapp. (Quelle: Pixabay)

Was ist Sand eigentlich?

Zwischen 0,062 und zwei Millimeter- so groß ist ein Sandkorn. Damit liegt es zwischen dem kleineren “Schluff” und dem größeren Kies. Die Bezeichnung “Sand” ist deshalb nicht vom Material selbst, sondern von der Größe des Sediments abhängig. Er besteht überwiegend aus Quarzkörnern, die besonders im Bausegment gebraucht werden. Aber es gibt auch Sand aus Vulkangesteinen, Muscheln oder Korallen. Klimatische Bedingungen und Bakterien brauchen Tausende bis Millionen von Jahren, um Gesteinsbrocken zu zerkleinern und diese in Flüssen und Meeren zu runden Sandkörnern zu schleifen. Weil dieser Prozess so lange dauert, sind die Sandreserven endlich – zumindest für die nächsten Jahrtausende. Bei einem weltweiten Verbrauch von 50 Milliarden Tonnen Sand jährlich neigen sich diese Reserven bald dem Ende zu.

Aber wofür wird eigentlich der ganze Sand verwendet?

Klar, Sand liegt am Meer. Mal landet auch etwas vom Volleyballplatz in den Schuhen oder es fliegt einem ein Sandkorn ins Auge. Auch sonst sind wir täglich von Sand umgeben. Er steckt in Glas, Kosmetika und sogar Zahnpasta. Man findet ihn in Computer-Chips und anderen Elektronikbauteilen. Auch Küstenschützer sind zur Landgewinnung und -erhaltung auf ihn angewiesen. Sogar in Solaranlagen findet er Verwendung. 

Doch trotz über 200 Nutzungsmöglichkeiten wird Sand zu zwei Dritteln allein im Bausegment gebraucht – und dort nicht zu knapp. Als wesentlicher Bestandteil von Beton ist Sand für nahezu alle Bauprojekte unerlässlich. Weil die Körner des Wüstensands durch den Wind jedoch zu rund geschliffen sind, können sie nicht für Beton oder Landaufschüttungen verwendet werden. Für die Weiterverarbeitung kommt daher nur Quarzsand infrage. Darum ist dieser ein wichtiges Importgut für viele Staaten.

Wer handelt mit Sand?

Durch den Bauboom – insbesondere in Asien – ist die Nachfrage nach Sand in den letzten Jahren explosionsartig in die Höhe geschossen. Allein China verbraucht 60 Prozent des jährlich abgebauten Sands für seine Asphaltierung. Auch Wüstenstaaten wie Dubai und Saudi-Arabien, die ihre eigenen Sandvorkommen nicht für Bauprojekte nutzen können, sind auf Exporte aus dem Ausland angewiesen. Einer der Exporteure: Australien. Doch wer glaubt, Deutschland würde solch große Mengen an Sand nicht benötigen, liegt falsch. Nur auf der Nordseeinsel Sylt wird jede Saison eine Million Kubikmeter Sand aus dem Meer wieder auf den Strand gebaggert. Für den Sandabbau wird dafür sogar in oder in der Nähe von Schutzgebieten gebaggert, kritisiert der NABU. Ein Einfamilienhaus braucht etwa 200 Tonnen Sand zur Herstellung. Auch Singapur exportiert regelmäßig große Mengen. Das Land hat seine Fläche durch Aufschüttungen in den vergangenen Jahren um 20 Prozent erweitern können. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) hat der Stadtstaat dafür eine halbe Milliarde Tonnen Sand aus Nachbarländern importiert – und das allein in den letzten 20 Jahren. 

Dubais imposante Skyline benötigt jährlich viel Beton zum Ausbau. Daher exportiert der Staat Sand aus Ländern wie etwa Australien (Quelle: Pixabay)

Weil der meiste Sandabbau an Meeren und Flüssen stattfindet, kommt es dort immer wieder zu Erdrutschen und Stranderosionen. Dabei wurden in Indonesien ganze Inseln vom Meer verschluckt. Währenddessen arbeitet Vietnam gemeinsam mit dem WWF daran, das “Mekong-Delta”, einen rund 40.500 Quadratkilometer langen Fluss im Südwesten des Landes, zu erhalten. Laut der Umweltorganisation ist davon der Lebensraum von über 17 Millionen Menschen, verschiedenen Ökosystemen und einer reichen Artenvielfalt abhängig. 

Aufgrund der Gefahren, die der Sandabbau mit sich bringt und auch, weil sie selbst auf ihren Rohstoff angewiesen sind, stoppen viele Staaten den Export. Indonesien, Kambodscha, Malaysia und Vietnam zählen dazu. Aber auch China verbietet die Auslieferung einiger Sandarten. Deshalb, und weil die Ressource noch immer heiß begehrt ist, haben Kriminelle das Sand-Geschäft übernommen. Vielerorts bauen sie Sand illegal ab und verdienen damit Milliarden. 

Wie genau handelt die Sandmafia? 

In Südafrika reihen sich die Sandminen aneinander. Der Mngeni-Fluss ist eine der Hauptwasserquellen der KwaZulu Natal-Provinz und liefert zugleich die größte Menge Sand für Zement in der Ortschaft. Jede Mine benötigt eine Genehmigung vom Department of Mineral Resources and Energy. In der Praxis haben diese jedoch nur wenige. Betreiber:innen der illegalen Sandminen nehmen damit mögliche Umweltschäden in Kauf. Selbst die Landbesitzer:innen wissen häufig gar nichts von den illegalen Minen auf ihren Grundstücken – oft werden sie aber auch mit den Einnahmen bestochen. Und die sind nicht schwer zu erzielen: Die Nachfrage ist groß und die Hemmschwelle gering. Schließlich braucht es nur einen Bagger und Transporter, um in den verbotenen Handel einzusteigen. 

Das Milliardengeschäft ist auch in Indien ganz groß im Kommen. An mehr als 7000 Stellen wird hier illegal Sand abgebaut, schätzt die UNEP. Hier tragen Taucher:innen den Sand mit Eimern ab – bis zu fünfzehn Meter tauchen sie dafür in die Tiefe. Dabei riskieren sie sogar ihr Leben. Allein in der indischen Stadt Thane sterben deshalb jedes Jahr bis zu zehn von ihnen. Auch außerhalb des Wasser herrschen gefährliche Umstände. Denn in Indien ist der Kampf um die begehrte Ressource besonders gewalttätig. 

In und um Accra, der Hauptstadt Ghanas, gibt es ebenfalls ein großes Sandvorkommen. Kriminelle bauen den Rohstoff ab und hinterlassen Löcher, die sich in der Regenzeit mit Wasser füllen. Aufgrund dessen ertrinken auch in Südafrika wiederholt Kleinkinder und Nutztiere in derartigen Tümpeln.

Eine Sandmine in Ghana (Quelle: Uni Kassel)

Warum wird nichts gegen diese kriminellen Banden unternommen?

Sandräuber:innen operieren oftmals über Nacht und sind daher schwer zu erwischen. Bei ihnen handelt es sich nicht nur um eine einzelne illegale Gruppierung, sondern um eine Mischung aus vielen Einzelpersonen und größeren Unternehmen. Daher ist es für Behörden und internationale Organisationen schwer nachvollziehbar, wer wo abbaut. Erschwerend kommt hinzu, dass die Räuber:innen Behörden und Landbesitzer:innen oftmals korrumpieren. Weil viele Politiker:innen direkt am illegalen Geschäft mitverdienen und der Abbau häufig undokumentiert bleibt, lassen sich keine direkten Einnahmen nachweisen. Androhungen von Gewalt sowie tatsächliche Angriffe auf die Staatsvertreter:innen oder Umweltschützer:innen sind keine Seltenheit. Auch Journalist:innen sind in Gefahr. Die Zeit schreibt 2019 dazu: “Vier Journalisten sind in den vergangenen Jahren in Indien getötet worden. Sie recherchierten alle zum selben Thema: Sand.” Insgesamt starben in den letzten zwei Jahren sogar zweihundert Menschen allein in Indien durch die Hände der Sandmafia.

Die katastrophalen Folgen des Sandabbaus

Sandabbau trifft die Gesellschaft hart. Kleinbäuer:innen berichten davon, dass Sanddiebstahl auf ihren Grundstücken dazu führe, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb nahezu unmöglich wird. Auch Fischer:innen machen keinen Fang, wenn die großen Saugbagger an die Küsten kommen und den Sand vom Meeresboden abpumpen. Die Bürgerinitiative Le Peuple des Dunes auf den Bahamas fordert deshalb den Stopp der Sandförderung von jährlich 40.000 Kubikmetern. Dabei werden Korallenriffe und andere Ökosysteme zerstört, sodass Wasserlebewesen keine Nahrung mehr finden. Nicht nur illegaler Sandraub, sondern auch genehmigte Minen haben langfristig große ökologische, aber auch wirtschaftliche Folgen. 

Wenn der Sand von Fluss- oder Meeresböden abgepumpt wird, kommt es nämlich nicht selten dazu, dass ganze Sandbänke absacken und einheimische Pflanzen zerstört werden. Wenn sich dadurch Flussläufe ändern oder sich invasive Arten weiter ausbreiten, finden Nutztiere nicht mehr genug Nahrung und Bäuer:innen verlieren eine weitere Lebensgrundlage. Mit den Küsten schwindet auch unsere letzte Schutzbarriere vor dem immer weiter ansteigenden Meeresspiegel. So sind schon ganze Inselgruppen einfach im Meer untergegangen. Auch das Grundwasser ist gefährdet, da es schnell salzig werden kann. 

Gibt es einen Ausweg?

Bevor man jetzt den Kopf in den Sand steckt – einmal durchatmen. Natürlich wird bereits an möglichen Lösungen für die vielseitigen Probleme rund um Sand geforscht. Recyclingmethoden für Glas und Beton stehen dabei ganz vorn auf der Liste. Aber auch strengere Kontrollen und die politische Positionierung gegen Sandräuber:innen sind Voraussetzung dafür, dass sich etwas ändert. Hoffnung bietet auch der vermehrte Einsatz von Stauseen, der Sandabbau weiter zulassen und zeitgleich die Umwelt schonen soll. Bis die Probleme jedoch vermehrt erkannt und aus der Welt geschaffen werden können, ist es noch ein langer Weg.

5 Fakten zu Indien

– Der hinduistische Kalender in Indien hat sechs Jahreszeiten: Frühjahr, Sommer, Monsun, Herbst, Winter und zeitiger Frühling
– Mit knapp 40 Prozent hat Indien weltweit den größten Anteil an Vegetarier:innen in der Bevölkerung.
– Im Goldenen Tempel von Amritsar werden täglich 100.000 vegetarische Mahlzeiten kostenlos verteilt. 
– 70 Prozent aller Gewürze kommen aus Indien. Darunter auch die schärfste Chili der Welt.
– Verheiratete Frauen tragen in Indien einen Zierpunkt auf der Stirn, den man “Bindi” nennt. Auch Armreifen und sogenanntes Sindoor-Pulver symbolisieren den Familienstand. Letzteres soll überdies den Blutdruck kontrollieren und die Libido steigern. 

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