Mit Tourismus der lokalen Bevölkerung helfen – Ein Interview mit dem sozialen Start-up socialbnb

Tourismus ist für Schwellen- und Entwicklungsländer eine Chance, Arbeitsplätze zu schaffen, die lokale Wirtschaft zu fördern und einen Austausch von Kultur und Verständnis zu ermöglichen. Das gelingt am besten, wenn Einheimische auch von den Einnahmen profitieren. Doch bei vielen Arten des Tourismus, wie dem Massentourismus, bekommen die Menschen vor Ort von den Gewinnen nichts zu spüren. 

Von Selina Temizsoyoglu

Das Kölner Start-up socialbnb will genau dem entgegenwirken. Es unterstützt lokale Projekte auf der ganzen Welt, indem es eine Plattform bereitstellt, auf der die Partnerprojekte Unterkünfte zu Verfügung stellen können und die dadurch gesammelten Einnahmen den Menschen vor Ort zugutekommen.

Alexander Haufschild, Gründer und CMO von socialbnb (Quelle: socialbnb)

23 Grad spricht mit Co-Founder Alexander Haufschild über die Anfänge in Kambodscha, Projekte in Afrika und wie lokale Menschen sich zusammenschließen und nach Lösungen suchen.

Wie entstand die Idee zu diesem Start-up?

Alexander Haufschild: Die Idee zu socialbnb ist tatsächlich auf einer Auslandsreise in Kambodscha entstanden. Wir haben dort den Tuk-Tuk Driver Seng Chanty kennengelernt und sind ins Gespräch gekommen. Es ging darum, dass er gerne Englischunterricht für die Kinder in seinem Dorf anbieten würde, weil er gemerkt hat, dass an der staatlichen Schule die Sprache nicht unterrichtet wird. Er hat aber gesehen, wie wichtig dieser Bildungsaspekt für die Zukunft der Kinder ist. Das Problem war, dass er keine Finanzierung dafür hatte und keine Lehrer dafür einstellen konnte. Da kam die Frage auf, was man da machen kann.

Wie habt ihr die Idee dann schließlich umgesetzt?

Alex: Als wir dann zurück in Köln waren, haben wir nach Gleichgesinnten gesucht, die Bock haben, sich dem Ganzen anzuschließen. Und so haben wir gemeinsam mit Seng Chanty in Kambodscha die Idee entwickelt, die freien Räumlichkeiten, die sie dort im Dorf hatten, an Reisende zu vermieten. Aus diesen Einnahmen sammelten wir dann genügend Gelder, um sein Projekt zu finanzieren und mit dem Geld konnte er Lehrer einstellen.

Wir haben also gemerkt, dass es generell sehr viele solcher Projekte gibt, die diese Finanzierungsproblematik haben. Gleichzeitig gibt es sehr viel Tourismus, also warum kann man da nicht auch eine Schnittstelle schaffen und mit dem Geld, was durch den Tourismus einfließt, die nachhaltige Entwicklung fördern? Dadurch entstand dann die globale Plattform socialbnb.

Wofür steht socialbnb und welche Message wollt ihr übermitteln?

Alex: Das Ziel von socialbnb ist letztendlich einen gerechten Tourismus zu schaffen, von dem alle profitieren, und Tourismus sozial, gerecht und nachhaltig zu gestalten. Das machen wir, weil wir wollen, dass Einnahmen, die durch Tourismus in die Länder kommen, auch den lokalen Leuten zugutekommen und da den positiven Wandel vorantreiben.

Euer Ansatz ist also der “Community-basierte Tourismus”. Kannst du nochmal genau erklären, was es damit auf sich hat?

Alex: Das ist Tourismus, der von den lokalen Gemeinschaften bereitgestellt wird. Also es geht darum, dass die lokale Gemeinschaft darüber entscheidet, wie die touristischen Produkte aussehen und was sie anbieten wollen. Oft ist es im Tourismus so, dass ausländische Investoren irgendwo hingehen und sagen: “Hey, wir bauen da jetzt ein Hotel hin.” Dann sollen lokale Leute angestellt werden, aber die Einnahmen gehen natürlich an die ausländischen Investoren. 

Im Februar seid ihr nach Kenia gereist. Was genau habt ihr dort gemacht?

Alex: Wir haben eine Kooperation angestoßen mit SOS-Kinderdorf. Das ist eine große Nichtregierungsorganisation (NGO), die letztendlich gemerkt hat, dass sie für entwicklungspolitische Projekte gerne auch unternehmerische Ansätze implementieren möchte. Dafür haben sie sich Start-ups dazugeholt, die diese wirtschaftliche Sichtweise mit in die Projekte reintragen. Wir haben gemeinsam mit einer Community in Botswana an einem Workshop teilgenommen, wo wir ein neues Projekt entwickelt haben. Ziel ist es, die Armut zu reduzieren und Jobperspektiven zu schaffen. 

Danach ging die Reise in Afrika für euch weiter?

Alex: Genau, wir haben die Zeit natürlich genutzt, um nach neuen Partnern zu schauen, welcheOk neuen Projekte es dort gibt. Wir haben, dadurch dass wir da auch bereits verschiedene Partner haben, gesagt, dass wir diese besuchen und gucken, wie sich das alles nach Corona entwickelt hat. Außerdem haben wir uns gefragt, was gebraucht wird und wie wir so unseren Service der Plattform besser zuschneiden können. Es ist uns nämlich ganz wichtig, uns an den Bedürfnissen der Projekte der lokalen Bürger zu orientieren. 

Wie schlimm waren denn die Auswirkungen der Pandemie auf die Tourismusbranche in Afrika? 

Alex: Es war natürlich fatal an vielen Ecken: Der Tourismus, der für viele Menschen vor Ort eine Lebensgrundlage ist, ist zusammengebrochen. Man merkt es einerseits bei den sozialen Aspekten: Die häusliche Gewalt hat beispielsweise zugenommen. Doch auch beim Umweltschutz. Teilweise gab es wieder mehr Wildereien, weil dadurch auch Einnahmen kommen. Bei diesen Auswirkungen merkt man nochmal die Rolle und die Verantwortung von Tourist*innen und wie weit diese wichtig für viele Regionen sind. Auf der anderen Seite merkt man aber auch die Abhängigkeit. 

Socialbnb Projekt in Namibia (Quelle: socialbnb)

Was genau umfassen denn die Projekte? Werden sie ausschließlich von lokalen Menschen gegründet?

Alex: Genau. Die Projekte werden in den meisten Fällen von lokalen Leuten oder Menschen, die schon lange dort leben, gegründet. Jede Unterkunft, die bei uns gelistet ist, ist quasi ein soziales oder ökologisches Projekt. Die lokalen Partner bieten diese Unterkünfte an und die Einnahmen, die wir aus diesen Unterkünften generieren, fließen dann in die Förderung der Projekte ein. Das können viele verschiedene Projekte sein. Wichtig ist, dass nicht nur eine einzelne Person davon profitiert. Wir haben eine ganze Auswahl an Kriterien, die wir durchgehen und gucken, ob es einen lokalen Mehrwert gibt. Letztendlich sollen die Einnahmen aus dem Tourismus einen sinnvollen Zweck unterstützen.

Wenn bei der Tourismusentwicklung das Mitspracherecht von Einheimischen nicht berücksichtigt wird, kann es zu Konflikten oder negativen Meinungen gegenüber Tourist:innen kommen. Welche Ansichten haben die Bürger:innen dort von euren Projekten? Findet da ein Austausch statt?

Alex: Es kommt natürlich darauf an. Bei Tourismus, wie er gerade stattfindet, wo die Leute vor Ort einfach nicht mit eingebunden werden, stellt sich natürlich schon die Frage: “Warum sollte ich das gut finden?”

Deswegen achten wir bei den Projekten auch darauf, inwieweit sie mit den lokalen Menschen dort vernetzt sind und der gesamten Region profitieren. Damit wir auch eine Akzeptanz für den Tourismus herstellen.

Socialbnb Projekt in Namibia (Quelle: socialbnb)

Kannst du ein konkretes Beispiel dafür nennen, welchen Nutzen eure Projekte für die Menschen vor Ort haben?

Alex: Wir haben zum Beispiel ein Projekt in Namibia in der Hauptstadt Windhoek. Da kommen Frauen aus der Umgebung hin und bekommen Skills in den Bereichen Nähen, Töpfern, Malen und der Schmuckherstellung vermittelt. Dabei sind auch Frauen, die Beeinträchtigungen haben. Sie bekommen alle eine Ausbildung, um die Produkte herzustellen, die dann wiederum an Reisende oder Einheimische verkauft werden. Das bildet eben Einkommen und man lernt, wie man ein eigenes Business aufbaut, um damit für mehr Selbstbestimmung zu sorgen. Sie bieten dafür zusätzlich Unterkünfte an einem schönen See an, wo Reisende übernachten, essen und Sehenswürdigkeiten besuchen können. 

Wie kommt euer Start-up in Deutschland an? Wie ist das generelle Feedback bisher?

Alex: Wir haben generell gutes Feedback von Reisenden, weil sie es eben wertschätzen, dass es eine besondere Erfahrung vor Ort ist. Vor allem, dass man wirklich in Kontakt mit lokalen Leuten kommt und die Projekte dort auch wirklich kennenlernt. Und generell das Gefühl hat, dass man das Land versteht, was die Herausforderungen sind, aber was vor allem auch Lösungen sind und wie das die Leute hier vor Ort umsetzen. Man lernt unfassbar viel.

Wie hoch ist denn das generelle Interesse, in Entwicklungsländern Urlaub zu machen?

Alex: Generell ist auf jeden Fall Interesse da, aber tatsächlich ist auch gerade beim Thema Nachhaltigkeit regionales Reisen immer beliebter. Trotzdem sind solche Fernreisen gerade bei jungen Zielgruppen sehr beliebt. 

Wie genau soll es weitergehen mit dem Start-up? Was sind eure Hoffnungen, Pläne und Wünsche für die Zukunft?

Alex: Wir bauen unser Angebot weiter aus. Wir haben das Ziel, dass egal wo man hinreist, man eine gerechte, soziale und nachhaltige Unterkunft findet. Und wir wollen letztendlich auch beweisen, dass Unternehmertum nachhaltiges Wirtschaften und social impact nicht ausschließt und diese Wirtschaft auch nutzt, um nachhaltige Entwicklungen zu fördern.

Vielen Dank für das Gespräch!

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