Freundschaft auf Distanz

Ottmar Gaubatz reiste 1975 das erste Mal nach Ostafrika und machte eine Rundreise durch Kenia und Tansania. Sofort verliebte er sich in das Land Kenia und die Kultur. Mit den Jahren wurde es sein festes Reiseziel und er lernte viele Einheimische kennen, die er auch finanziell unterstützt. Mit uns von 23 Grad spricht er über seine Erfahrungen.

von Sophie Ismailov

Omari mit Inge Gaubatz in Kenia. (Quelle: privat)

An Weihnachten des Jahres 1989 spazierte Inge, die Ehefrau von Ottmar Gaubatz am Strand der Südküste Kenias. Das Ehepaar war es gewohnt, dass sie von einheimischen Bettler:innen angesprochen werden. Als Frau Gaubatz aber von dem 17-jährigen Omari Gaito mit den Worten „I am not a businessman. I am on holidays like you“ begrüßt wurde, war dem Ehepaar noch nicht bewusst, dass dies der Beginn einer langjährigen Freundschaft wird. „Es hat sich herausgestellt, dass wir durch unsere vielen Reisen nach Kenia schon Omaris Bruder kannten. Denn er war der Reservation Manager von unserem Hotel. Später fanden wir heraus, dass wir auch schon seinen Großvater und Vater kannten“, erzählt Ottmar. Omari war zu dem Zeitpunkt noch ein Schüler, der Deutsch lernen wollte, damit er bessere Berufschancen hat. Um den jungen Mann zu unterstützen, schickte das Ehepaar ihm ein Jahr lang Geld. Er sollte damit seine Deutschkurse am Goethe-Institut in Mombasa bezahlen.

1994 reiste Ottmar ein weiteres Mal nach Kenia. „Ich traf mich mit ihm und stellte fest, dass sein Deutsch gar nicht besser geworden ist. Omari hat das Geld, das für die Kurse gedacht war, für seine Familie verbraucht. Das ist so üblich, dass Familie vorgeht.“ Um sicherzustellen, dass Omari wirklich die Deutschkurse besucht, fuhr Ottmar mit ihm zusammen zum Goethe-Institut. Vor Ort sagte ihm der Lehrer aber, dass der junge Schüler ja gar nichts lernen muss, weil er in guter Jeans und Turnschuhen gekleidet war. In seinen Augen war er gut ausgestattet. Ottmar bestand aber darauf, dass Omari sein Ziel verfolgt und er ging zu den Sprachkursen. Diese bezahlte er über eine Stelle in Neu-Isenburg, damit das Geld auch wirklich für den Unterricht genutzt wird. Bis heute sprechen die beiden miteinander nur auf Deutsch.

Später lud Omari das Ehepaar zu sich ins Dorf ein, um zu zeigen, wie er und seine Familie lebten. „Seitlich im Dorf gibt es einen Brunnen, wo die Einwohner sich ihr Wasser holen. Zum Teil sind es lehmverputzte Hütten. Die reicheren Familien, die meist in Hotels arbeiten, leben in Stein gemauerten Häusern mit Betonboden. Das Dorf konnte selbstverständlich nicht mit den schicken Hotelanlagen mithalten“, berichtet Ottmar. Dank seiner Deutschkenntnisse konnte Omari einen Job in einem Hotel als Animateur finden. Er hatte ein großes Talent für Entertainment und konnte sich somit etwas Geld verdienen. Ottmar und Omari blieben immer in Kontakt miteinander, doch ein Jahr brach der Kontakt ab. 

„Wir sind Ende der neunziger, wie jedes Jahr, wieder nach Kenia runtergeflogen. Vor Ort stellten wir fest, dass Omari nicht da war. Er hatte eine Engländerin kennengelernt und ist mit ihr zusammen nach Manchester geflogen.“ Vor Ort arbeitete Omari in einer Marmeladenfabrik, um weiterhin Geld zu verdienen. Es stellte sich heraus, dass er Geld sparen wollte, um sich in Afrika ein Auto zu kaufen und als Reiseführer für Tourist:innen zu arbeiten. Diesen Traum setzte er auch in die Tat um. Seitdem reist das Ehepaar nur noch mit ihm als Reiseführer.

Omari, Ottmar Gaubatz und Schwager in Kenia. (Quelle: privat)

In Kenia war Ottmar mittlerweile schon über 60 Mal und reist weiterhin jedes Jahr dahin. „Ich war auch schon in vielen weiteren afrikanischen Ländern wie Ruanda, Kongo und Uganda. Aber Kenia ist immer noch natürliches Afrika. Man kriegt vor Ort ein Gefühl für die Stämme. Omari gehört zu dem Stamm der Bantus und durch ihn konnte ich die Kultur und Geschichte viel näher kennenlernen als in Büchern.“ Auch Omari lernte viel von Ottmar und der deutschen Kultur. Er reiste auch selbst nach Deutschland und war überrascht, wie getaktet der Alltag dort wirklich abläuft. „Die Züge kommen in Deutschland wirklich immer pünktlich. Und wenn sie mal zwei Minuten zu spät sind, jammern alle schon. Zu Hause kommen die Busse, wann sie kommen. Alle wissen, dass man warten muss“, erzählt Omari in einem Telefonat.

Die beiden stehen weiterhin in engem Kontakt und telefonieren mindestens einmal im Monat miteinander. Ottmar hilft Omari finanziell weiter in brenzligen Situationen aus. Vor einigen Jahren hatte er mit seinem Auto einen Unfall mit einem Lastwagen und konnte sich die Reparatur nicht leisten. Da das Auto aber seine Lebensgrundlage ist, konnte er nicht weiterarbeiten und das Ehepaar übernahm die Kosten.

Heute ist Omari 48 Jahre alt, weiterhin unverheiratet, hat aber zwei Töchter. Die will er studieren lassen und das Ehepaar ist auch da bereit, die Mädchen bei ihrem Vorhaben zu unterstützen. Omari sieht Ottmar ebenfalls als engen Freund an: „So eine Freundschaft kann nur funktionieren, wenn beide Personen sich vertrauen und sich respektieren. Von Ottmar konnte ich viel lernen. Vor allen Dingen, dass Deutsche sehr pünktlich und ordentlich sind. Das habe ich mir abgeguckt.“ Ottmar bewundert an Omari und den Kenianer:innen im Gegenzug die lockere und fröhliche Lebensart, die man in Deutschland so nicht kennt. Inge sagt sogar, dass sie durch die Ruhe und Gelassenheit in Kenia zu einem anderen Menschen wird. Auch wenn es chaotischer zugeht, zieht es ihn und seine Frau doch jedes Mal wieder nach Kenia.

Neben Omari unterstützt das Ehepaar auch weitere Familien. Als sie eine davon in den 90ern kennenlernten, war die Tochter erst 17 Jahre alt und schwanger. Inzwischen ist sie eine erwachsene Frau und selbst Mutter geworden. Sie hat Ottmar um finanzielle Unterstützung für ihre Tochter gebeten, da diese studieren wollte. Das Mädchen hat ihr Studium inzwischen abgeschlossen und hat als Erste im ganzen Dorf einen Bachelor-Abschluss. Sie hat eine Stelle bei der Bank bekommen, wurde aber ein halbes Jahr später ebenfalls schwanger. Trotz höherer Bildung verdient die junge Frau  gerade genug, um sich und ihre Kinder zu ernähren. Ihr Gehalt ist im Verhältnis zu dem der Männer viel niedriger und sie wird am Arbeitsplatz schlecht behandelt. Laut Ottmar ist das aber die Norm.

Omari beim Wiedersehen in Kenia. (Quelle: privat)

Wegen der Corona-Pandemie konnten Ottmar und Inge nun seit über zwei Jahren nicht mehr nach Kenia reisen. Dieses Jahr wollen sie aber unbedingt wieder hin und auch Omari wieder sehen. „Wenn ich da unten bin, treffe ich mich jeden zweiten Tag mit ihm. Wir gehen meistens was trinken oder unternehmen eine Reise in seinem Auto. Es ist wie mein zweites Zuhause“, erzählt Ottmar. Trotz so großer Entfernung sind das Ehepaar und Omari schon seit über 30 Jahren befreundet und haben auch weiter vor, sich zu unterstützen und die Beziehung zu pflegen.

4 Fakten zu Kenia

– Kenia besitzt einige der schönsten Strände der Welt. Teilweise schöner als in Urlaubsparadiesen wie den Seychellen.
– Fast die Hälfte aller Schnittblumen in Europa stammen aus Kenia und machen den Staat aufgrund ganzjähriger optimaler Bedingungen zum größten Blumenexporteur der Welt.
– Der Ausdruck „Hakuna Matata“ (dt.: “keine Sorgen”) ist durch Disneys „König der Löwen“ berühmt geworden und findet in Kenia im Alltag tatsächlich Verwendung.
– Als der Vater von – damals noch – Prinzessin Elizabeth verstarb, war sie gerade in Kenia. Sie ist also noch während ihres Aufenthalts in Kenia inoffiziell Königin geworden.

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