Ein beschnittenes Leben – NALA kämpft mit Aufklärung gegen Genitalverstümmelung bei Frauen

Sie werden festgehalten, sodass sie sich nicht wehren können. Ohne Betäubung und mit rostigen Rasierklingen oder Messern wird ihnen das Genital weggeschnitten. Dabei erleiden sie unsagbare Schmerzen. Laut UNICEF wurden über 200 Millionen Mädchen und Frauen auf der Welt am Genital beschnitten und müssen täglich mit den Folgen leben. Genitalverstümmelung ist eine Menschenrechtsverletzung und Millionen von Mädchen sind jedes Jahr gefährdet.

Von Sonja Kleinhans

Aufklärung zur weiblichen Genitalverstümmelung in Burkina Faso (Quelle: NALA e.V.)

In 30 Ländern wird die weibliche Genitalbeschneidung praktiziert. Die meisten davon liegen in Afrika, aber auch im Nahen Osten, Asien und in Teilen Südamerikas. Genitalverstümmelung bedeutet, dass die äußeren Genitalien teilweise oder vollständig entfernt werden und das ohne medizinischen Grund. Der Eingriff wird meist bei Mädchen zwischen vier und 14 Jahren durchgeführt. Dabei wird gegen das Recht auf Gesundheit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit verstoßen – also gegen Menschenrechte.

Hilfe und Aufklärung mit Fingerspitzengefühl

Von den Ländern selbst wird gegen die Genitalverstümmelung kaum etwas getan. In einigen Ländern wie Eritrea und Burkina Faso ist sie zwar verboten, doch wird trotzdem praktiziert und kaum verfolgt. Deshalb setzen sich Vereine und Nichtregierungsorganisationen (NGOs), wie der Verein NALA, gegen die grausame Praktik ein und unterstützen Projekte, die über das Thema aufklären. NALA bedeutet in der Sprache der Kisuaheli die Löwin. Es steht aber auch für nachhaltig, aktiv, lebensnah und aufklärend.

Karin Siegmann ist die zweite Vorsitzende des NALA Vereins und engagiert sich ehrenamtlich für die gefährdeten und betroffen Mädchen und Frauen. „Bildung statt Beschneidung ist unser Ansatz und genau da liegt der Schwerpunkt: Wir wollen aufklären und nicht mit erhobenem Zeigefinger losgehen. Und das machen wir hauptsächlich in Burkina Faso, aber auch in Deutschland“, sagt Siegmann.

Die erste Vorsitzende des NALA e.V., Fadumo Korn, bei der Aufklärung mit einer geschulten Animatrice in einem Dorf in Burkina Faso. (Quelle: NALA e.V.)

Weibliche Genitalverstümmelung, Beschneidung oder der englische Begriff „Female Genital Mutilation (FGM)“ – sie benennen alle das Gleiche, aber haben eine unterschiedliche Wirkung. Es ist wichtig, sensibel mit ihnen umzugehen. „Es ist ein Unterschied, ob ich bei der Arbeit theoretisch über etwas rede oder ob ich mit den betroffenen Frauen rede. Das kann nämlich nur auf Augenhöhe erfolgen und mit dem entsprechenden Respekt. Dann kann ich nicht sagen: ,,Du bist verstümmelt“, erklärt Siegmann. Stattdessen verwendet der Verein gegenüber den betroffenen Frauen den Begriff „weibliche Genitalbeschneidung“. In Vorträgen reden sie von Genitalverstümmelung, da aus diesem Begriff die Menschenrechtsverletzung deutlicher hervorgeht.

Warum Genitalverstümmelungen immer noch stattfinden

Es gibt nicht nur einen Grund, warum die weibliche Genitalbeschneidung noch von so vielen Gemeinschaften durchgeführt wird. In den meisten Gemeinden, in denen die Beschneidung praktiziert wird, ist sie eine tief verankerte Tradition. Sie hängt mit dem kulturellen Rollenverständnis von Frauen, Sexualität und Ehe zusammen. Die Entfernung der weiblichen Genitalien wird in manchen Ländern als Schönheitsideal angesehen und in anderen steht das weibliche Genital für Männlichkeit und soll deshalb entfernt werden.

Doch einen klaren Beweggrund, warum Eltern ihre Töchter beschneiden lassen, gibt es meist nicht. So hat es auch Karin Siegmann in Burkina Faso wahrgenommen. „Was die Gründe sind, weiß eigentlich niemand mehr genau, weil die Praktik älter als 5.000 Jahre ist und älter als alle Weltreligionen. Sie hat mit Religion überhaupt nichts zu tun. So wie ich es mitbekommen habe, ist es aber inzwischen so tief in der DNA verankert, dass sie das für völlig normal halten. Sie haben gedacht, wir sind auch alle beschnitten in Europa. Es ist für sie so normal, dass sie es nicht hinterfragen. Die Frauen denken sogar, sie tun ihren Töchtern etwas Gutes, weil eine unbeschnittene Frau als unrein gilt und keinen Mann findet“, sagt Siegmann. Es steckt also auch ein hoher gesellschaftlicher Druck dahinter. Mädchen, die nicht beschnitten sind, würden aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, erzählt Siegmann.

Projekte in Burkina Faso

NALA setzt sich in Burkina Faso genau dafür ein, dass die Menschen dort die Genitalbeschneidung der Mädchen hinterfragen. NALA arbeitet besonders eng mit dem Ausbildungszentrum Association Bangr-Nooma (ABN) zusammen, was so viel wie „Nichts ist besser als Wissen“ bedeutet. Weil NALA nicht in der einheimischen Sprache aufklären kann, unterstützen sie ABN bei dieser Arbeit finanziell.

ABN versucht in den einzelnen Dörfern über Gesundheit aufzuklären und dementsprechend auch über die schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden, die eine Genitalbeschneidung verursacht. In Burkina Faso wird die Beschneidung mit anschließender Infibulation durchgeführt. Dabei wird die Wunde so verschlossen, dass nur noch ein streichholzgroßes Loch zum Abfließen von Urin und Menstruationsblut bleibt. Dieser Typ der Beschneidung sorgt für besonders große Gesundheitsschäden. Das können starke Schmerzen, Urinstau, Entzündungen oder schwerwiegende Probleme bei einer Schwangerschaft oder Geburt sein.

„Es gehen immer ein junger Mann und eine junge Frau, also Animateur und Animatrice, und reden mit den Frauen, mit den Männern, mit den Dorfältesten und das oft viele Male. Bis sie erkennen, dass es viele gesundheitliche Schäden mit sich bringt und dann sagen: Wir lassen die Beschneidung sein und beerdigen die Beschneidungswerkzeuge“, erklärt Siegmann.

Damit fällt aber auch der Job der Beschneiderin weg und es muss dafür gesorgt werden, dass die Frau einen neuen Job bekommt. „Sonst fällt sie wieder in alte Muster und bietet Beschneidungen an“, sagt Siegmann. Das Ausbildungszentrum schult die früheren Beschneiderinnen um, zum Beispiel als Näherin oder zur Arbeit in der Seifenherstellung.

2018 wurde das NALA-Haus errichtet. Dort gibt es einen gynäkologischen Behandlungsraum, Schulungsräume und einen großen Garten. In dem Garten haben die Frauen Parzellen und das Obst und Gemüse, was sie dort ernten, können sie verkaufen und damit ihre Familien ernähren. Die Frauen werden im NALA-Haus aber auch aufgeklärt, bekommen Medikamente und Hygieneartikel wie Binden und Wochenbettversorgung. Einmal in der Woche kommt auch eine Gynäkologin ins Haus und ab und zu auch eine Hebamme.

Aufklärung über die Folgen weiblicher Genitalbeschneidung im NALA Haus. (Fadumo Korn, erste Vorsitzende und Karin Siegmann, zweite Vorsitzende im Hintergrund) 

Wichtig für den Erfolg der Projekte sei es, dass die Frauen den Zusammenhang zwischen ihren gesundheitlichen Problemen und der Beschneidung sehen, sagt Siegmann. „Sie haben es ja auch schon erlebt, dass ein Kind drei Tage nicht rauskommt und dann im Mutterleib stirbt, weil die Öffnung zu eng ist und sie auch nicht aufgeschnitten werden kann, weil keine Hebamme vor Ort ist. Wenn sie diese Zusammenhänge erkennen, dann können sie es verstehen und nachvollziehen. Dann ist der Schritt nicht mehr weit zu sagen: Das lassen wir dann lieber“, erklärt Siegmann.

Da NALA auch eine Aufklärung bei jungen Kindern wichtig ist, setzen sie die sogenannten Amateure und Amatricen in Schulen ein. „Da muss man aber sehr früh anfangen, weil sie die Beschneidungen vor den Sommerferien machen. Dann sind nämlich drei Monate frei und die Wunden können verheilen, bevor sie wieder in die Schule gehen. Und da wird dann ganz massiv aufgeklärt, dass das nicht passiert und dass sie auch eine Anlaufstelle bekommen, wenn sie es nicht wollen“, sagt Siegmann.

Auch in Deutschland braucht es Aufklärung

Nicht nur in den Ländern, in denen die Genitalverstümmelung praktiziert wird, haben Frauen mit den Folgen ihrer Beschneidung zu kämpfen. In Deutschland leben schätzungsweise 67.000 beschnittene Frauen und Mädchen. Der Grund dafür ist Migration.

Ein Bewusstsein dafür gibt es dennoch kaum in Deutschland. Auch die erste Vorsitzende des NALA Vereins, Fadumo Korn, wurde als Kind in Somalia beschnitten und lebt heute mit ihrem Mann und ihrem Sohn in München. Zusammen mit Karin Siegmann halten sie Vorträge über das Thema, zum Beispiel im medizinischen Fachbereich von Universitäten oder in Hebammenschulen. „Wir bekommen viele Anfragen, aber wir können überhaupt nicht alles bedienen, weil wir alle volle Jobs neben dem Verein haben.“

Außerdem hat NALA in München eine Mädchengruppe. Fadumo Korn und zwei Psychologinnen betreuen dort vor allem geflüchtete Mädchen, die unbegleitet nach Deutschland gekommen sind. Sie unterstützen sie bei der Integration und informieren über eine mögliche Rückoperation. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: eine einfache Öffnung oder ästhetische Korrekturen. Die ästhetischen Korrekturen werden jedoch nicht von der Krankenkasse bezahlt. Oft hätten die Mädchen Angst, dass sie ihr Heimatland verraten, wenn sie ihre Beschneidung in irgendeiner Form rückgängig machen.

Mehr Handlungsbedarf

„Der Staat muss auf jeden Fall mehr Verantwortung zeigen, weil es kein rein deutsches Problem ist und kein Problem der Vereine“, sagt Siegmann. Mit einer Unterschriftenaktion hatte sich NALA an Franziska Giffey gewandt, als sie noch Familienministerin war. Dabei sind 130.000 Unterschriften gegen weibliche Genitalverstümmelung und für die Arbeit gegen FGM gesammelt worden. „Wir können das nicht als Vereine stemmen. Auch das medizinische Personal muss besser geschult werden, weil es jedes Mal wieder eine Retraumatisierung für die Frauen ist. Sie kommen hochschwanger in die Klinik und keiner ist darauf vorbereitet, dass sie zugenäht sind und geöffnet werden müssen“, sagt Siegmann. Auch in den deutschen Schulen müsse viel mehr Aufklärung passieren.

Ein Theaterstück gegen weibliche Genitalverstümmelung, dass von Jugendlichen in Burkina Faso entwickelt wurde. (Quelle: NALA e.V.) 

Am Ende sind es die einzelnen Schicksale der Frauen, die klarmachen, warum diese Genitalbeschneidung, die zugleich eine Beschneidung ihrer Lebensqualität, ihrer Gesundheit und ihrer Selbstbestimmtheit bedeutet, aufhören muss. Auch an Karin Siegmann ziehen die Bilder aus ihrer Arbeit nicht einfach vorbei. „Bei der letzten Reise im Januar 2020 waren wir zwei Wochen in Burkina mit der Frauenärztin und einer Physiotherapeutin. Der Plan war, Frauen zu behandeln und Krebsvorsorge zu machen. Wir haben 120 Frauen untersucht und davon waren vielleicht zehn überhaupt jemals beim Frauenarzt gewesen. Und dann kehrt das traumatische Erlebnis zurück, schon wenn sie auf die Liege steigen. Beine öffnen – überhaupt schon diese Position. Dann wurde ich als Assistentin eingesetzt. Das heißt, ich habe alles gesehen, was es zu sehen gibt, habe die Untersuchungen mitgemacht und Sachen angereicht, wie Spekulum oder Tupfer. Es war für mich eine Riesenherausforderung und ich habe jeden Abend geweint“, erzählt Siegmann.

Mehr Informationen zur weiblichen Genitalverstümmelung:

Hessen engagiert gegen FGM
womENtire
TERRE DES FEMMES
Fulda-Mosocho-Projekt

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