„Die Zeit dort war nicht lang, aber wirklich wertvoll“

Mosambik – Die 18-jährige Aenna G. reiste im November 2021 mit drei weiteren Mädchen nach Mosambik, um dort neun Monate einen Freiwilligendienst zu absolvieren. Die Zeit sollten sie auf einem Klostergelände verbringen und in einer Grundschule Deutschunterricht geben. Doch ihre Reise nahm eine unerwartete Wendung und sie mussten frühzeitig ausreisen. Aenna G. spricht mit uns von 23 Grad über ihre Erfahrungen im Ausland und dass bei einem Freiwilligendienst nicht immer alles so läuft, wie man es erwartet.

Von Sophie Ismailov

Interview FSJ Mosambik
(Quelle: privat)

Wie kam es zu der Entscheidung, so jung einen Freiwilligendienst in Afrika zu machen?

Aenna: Also ich muss ganz ehrlich sagen, dass es für mich irgendwie nie zur Debatte stand, nach der Schule ein Auslandsjahr zu machen, weil mich dieses ganze Au-Pair-Zeug oder Work and Travel nie gepackt hat. Dann habe ich von dem Projekt „Missionare auf Zeit“ von der Organisation der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel (SMP) gehört und irgendwie hat mir das persönlich einen Sinn gegeben. Es gibt Einsatzstellen in vier verschiedenen Ländern: Mosambik, Rumänien, Bolivien und Brasilien. Ich fand es total wichtig, dass ich was mache, wo ich einen tieferen Sinn sehe. Deshalb war für mich ziemlich schnell klar, dass ich nach Afrika möchte. Von den vier verschiedenen Ländern war Mosambik für mich das Land, was am weitesten entfernt war, sowohl geographisch als auch kulturell. Gleichzeitig hat man auch diese Vorurteile gegenüber den Einheimischen, dass sie sehr happy clappy sind und das hat mich überzeugt. Ich wurde dann zusammen mit drei weiteren Mädels nach Mosambik entsendet. Eigentlich hätten wir im Sommer 2021 abreisen sollen, aber wegen Corona und Problemen mit dem Visum ging es erst im November los.

Du hast eben Vorurteile erwähnt. Mit welchen Erwartungen und vielleicht auch weiteren Vorurteilen bist du denn nach Afrika eingereist?

Aenna: Wenn man mich vor der Ausreise gefragt hätte, mit welcher Motivation ich hinfliege, dann hätte ich gesagt, dass ich hinfliege, um zu helfen. Jetzt im Nachhinein würde ich das niemals mehr so formulieren. Ganz ehrlich, mit 18 Jahren, als Person, die noch nie außerhalb von zu Hause gewohnt hat, kann ich mir nicht anmaßen, dass ich da irgendjemandem helfen kann. Das ist so eine Sache, die man als Missionar denkt, wenn man in ärmere Länder fliegt. Man kann sich einfach sehr, sehr glücklich schätzen, wenn man gut aufgenommen wird und auch was Sinnvolles tun kann.

Worauf wir auch vorbereitet wurden ist ganz klar, dass gerade in einer Schwarzen Bevölkerung wir als Weiße auch blöd angeguckt werden könnten. Mosambik war ja eine portugiesische Kolonie. Ich hatte keine Angst davor, aber ich dachte, dass wir tatsächlich öfter blöd angemacht werden. Aber die Menschen auf dem Klostergelände, dem Dorf und Umgebung waren alle so nett und man hat nie etwas Negatives gehört. Nur in der Stadt wurde einem Mal „Weißer“ hinterhergerufen. Das hatte ich ganz anders erwartet.

Interview FSJ Mosambik
(Quelle: privat)

Wie waren deine ersten Tage, als du angekommen bist? Ging es eher in Richtung Kulturschock oder war es genauso, wie du es dir vorgestellt hast?

Aenna: Es war alles sehr schwierig. Dadurch, dass wir verspätet ausgereist sind, sind wir zu den Weihnachtsferien angekommen und die dauern dort zwei Monate. Wir wären eigentlich in einer Grundschule in einem Projekt gewesen und das ging dann halt nicht. Dementsprechend hatten wir nicht viel zu tun. Dadurch, dass in unserer ersten Woche die Vorbereitungen für eine riesen Feier auf dem Klostergelände liefen, hatte keiner wirklich Zeit für uns. Die erste Woche war dann wirklich blöd, weil wir auch kein Internet hatten, überhaupt keinen Kontakt zur Außenwelt und nur uns vier. Alle hatten so viel zu tun und es wurde schnell langweilig. Aber einen Kulturschock habe ich gar nicht wahrgenommen. Super viele Ehemalige haben vorher schon gesagt, dass es voll lange dauern würde, bis man richtig ankommt und bis man sich heimisch fühlt und das hatte ich überhaupt nicht. Ich habe mich super schnell sehr wohlgefühlt.  

Eure eigentliche Aufgabe war es ja, die Kinder in der Grundschule zu unterrichten, was ja leider nicht stattfinden konnte. Was habt ihr stattdessen gemacht?

Aenna: Auf dem Klostergelände leben junge Mädchen im Alter von 16 bis 19 Jahren und die wohnen in zwei Gruppen zusammen. Viele von denen sind auch angehende Ordensschwestern. Wir haben dann den Mädels in zweier Gruppen Deutschunterricht gegeben und irgendwann ist eine von den Gruppen in die Ferien abgereist. Dann haben wir aber auch angefangen, vier Waisenkindern Englisch beizubringen. Das waren so unsere Hauptaufgaben, aber ansonsten haben wir ganz viele Spiele mit ihnen gespielt und sind uns näher gekommen. Die Mädels waren einfach ganz toll und wir haben super viel Spaß gehabt. Die Kommunikation war etwas schwierig, da sie nur Portugiesisch mit uns gesprochen haben. Wir haben uns mit Händen, Füßen und Google-Übersetzer unterhalten, aber es hat für uns funktioniert.

Was konntest du im Gegenzug von den Einheimischen dort lernen?

Aenna: Einmal habe ich versucht, Portugiesisch zu lernen, da die Schwestern und Menschen es dort gesprochen haben, aber es war leider nicht so erfolgreich. Aber vor allen Dingen ging es um die Offenheit und die Herzlichkeit. Man lebt dort einfach in den Tag hinein und es ist alles viel entspannter als in Deutschland. Vor allem die Wertschätzung, die die Mädels für einfache Dinge hatten.

Ich fand ein Erlebnis sehr beeindruckend. Als wir angereist sind, hatten wir noch eine achtstündige Fahrt zu unserem Klostergelände in Metarika vor uns. An den Straßen sind immer Stände mit Menschen, die was verkaufen. Wir wurden von einer Frau angesprochen, die uns irgendwas verkaufen wollte, was wir aber leider nicht verstanden haben, weil unser Portugiesisch nicht gut genug war. Außerdem hatten wir die Währung auch noch nicht. Als wir sie abgewunken haben, weil wir es einfach nicht verstanden haben, hat sie zwar etwas traurig geguckt, hatte aber trotzdem ein Strahlen an sich, was ich noch nie gesehen habe. Es ist krass, wie wenig Materielles die Menschen dort haben, aber wie reich sie trotzdem auf emotionaler Ebene sind. Das hat mich sehr inspiriert und beeindruckt. Wir waren auch in einigen Gottesdiensten drin und das war was ganz anderes. Es war viel lebendiger und lustiger. Generell ist das Leben dort viel lebendiger und das vermisse ich.

Interview FSJ Mosambik
(Quelle: pixabay)

Es klingt als hättest du sehr viel erlebt in Mosambik. Was war ein Highlight, an das du bis heute denken musst?

Aenna: Ein ganz besonderes Datum war der 17. Dezember. Da war eine Mädelstruppe schon in den Ferien, also nicht mehr auf dem Klostergelände. Das war um die Zeit, wo wir erfahren haben, dass wir sehr wahrscheinlich früher abreisen müssen. Mit den Mädels, die noch da waren, verstanden wir uns besonders gut, da sie direkt neben uns wohnten. Die haben was ganz Tolles für uns gemacht. Die Oberschwester hat uns an dem Tag zu verschiedenen Einheimischen mitgenommen. In unserer Mädelstruppe war ein Drillingspärchen, das auch mitkommen wollte und bei der Abfahrt mit aufs Auto gesprungen ist. Mit ihnen sind wir zusammen zu ihrer Mutter gefahren und haben sie besucht. Die Mädels sind auch wieder zurück mit uns ins Kloster gefahren und auf dem Gelände haben die anderen Mädels in der Zwischenzeit alles richtig weihnachtlich mit Lichterketten und so dekoriert. Es war schon dunkel, als wir zurückgekommen sind und es hat alles so schön geleuchtet. Das war ein sehr schöner Moment, der mir noch sehr lange in Erinnerung bleibt. Ich habe wirklich die Wertschätzung, die wir füreinander entwickelt haben, gespürt.

Das Wort „Missionieren“ hat eher einen schlechten Ruf. Ich bekomme den Eindruck, dass es bei euch aber eher darum ging, dass sich Menschen mit dem gleichen Glauben aus verschiedenen Kulturen austauschen können. Ist das so?

Aenna: Ich muss sagen, dass das Programm sehr wenig mit dem Vorurteil des Missionierens zu tun hat. Es geht nur in dem Sinne um Glauben und Religion, als dass man Gottesdienste besucht und auf einem Klostergelände mit Schwestern des Ordens lebt und sich an die Maßstäbe und Regeln halten muss. Niemand läuft da mit einer Bibel durch die Gegend und die Schwestern haben auch keine klassischen schwarz-weißen Gewände an. Uns ging es darum, einander und die Kultur des anderen kennenzulernen.

Warum musstet ihr früher abreisen als geplant?

Aenna: Also das war alles ein bisschen schwierig. Erst mal gab es totale Schwierigkeiten mit dem Visum. In Deutschland haben wir nur ein Visum für einen Monat bekommen und das musste in Mosambik vor Ort verlängert werden. Das ist an sich gar kein Problem, aber irgendwie war die Schwester, die für uns zuständig war, etwas seltsam. Eigentlich hat es immer geklappt, aber bei uns hat sie sich erst zwei Wochen vor dem Ablauf angefangen darum zu kümmern. Es hat einfach nicht funktioniert und sie hat es immer wieder vergessen.

Letztendlich war der ausschlaggebende Punkt dann aber, dass wir dann nochmal mit einer Frau von der deutschen Botschaft in Maputo telefoniert haben und sie uns gesagt hat, dass es eine Terrorwarnung für unsere Provinz gibt. Also es gab immer schon Anschläge in der Nachbarprovinz und die sind dann weiter zu uns gezogen. Dann kam die Anweisung von der Regierung, dass wir zurückgeholt werden sollen. Da kam dann erst die Frage, ob wir statt direkt nach Hause zu fliegen, erst mal zu der Frau nach Maputo runterfahren. Vor Ort wollten wir dann überlegen, ob wir mit einer anderen Organisation in ein anderes Land reisen wollen. Das lief aber auch nicht nach Plan, weil die Kommunikation mit der Schwester wieder schwierig war. An einem Tag sagte sie uns, dass es besser wäre, nach Hause zu fliegen. Drei Tage später meinte sie, dass sie ja eigentlich die Chefin sei und keine Regierung was über ihren Kopf hinweg bestimmen könne. Wenn man gerade nur einen Monat in einem fremden Land ist, noch nie von zu Hause richtig rausgekommen ist und die Situation richtig brenzlig werden kann, dann steht man total auf’m Schlauch. Wir wussten nicht, wem wir wirklich Glauben schenken können und sagten bis hierhin und nicht weiter… Bei der Frau von der Botschaft hätten wir auch nicht unterkommen können, weil sie positiv auf Corona getestet wurde. Als ich in Deutschland aus dem Flugzeug ausgestiegen bin, habe ich es auch direkt bereut und wollte zurück.

Interview FSJ Mosambik
(Quelle: privat)

Es ist ja bekannt, dass in Mosambik in den letzten Jahren der Terror vonseiten islamistischer Rebellen zugenommen hat. Hattest du schon vor der Abreise oder vor Ort Angst, dass was passieren könnte?

Aenna: Ich hatte schon ein bisschen Sorge, muss ich sagen. Gerade nach der Warnung meinte die Schwester zu uns, dass sie alles unter Kontrolle hat und für uns und die anderen Mädchen Verantwortung trägt. Du musst dir aber vorstellen – wenn man als Weiße in einem katholischen Kloster lebt, dann fühlt man sich wie die Zielscheibe Nummer 1. In der letzten Zeit waren wir auch noch zusammen in zwei Gottesdiensten und ein Moment ist mir richtig hängen geblieben. Bei einem Gottesdienst gab es draußen irgendwelche Streitigkeiten und Leute haben rumgeschrien. Ich habe mein Leben an mir vorbeiziehen sehen und dachte: „Jetzt ist es vorbei.“ Man hat sich schon etwas unwohl gefühlt. Es ist zwar bisher noch nie etwas passiert, aber man kann sich nicht sicher sein, vor allen Dingen mit der Terrorwarnung.

Du sagtest, dass du den Rückflug sofort bereut hast. Was vermisst du am meisten an deiner Zeit in Mosambik?

Aenna: Ich glaube, die Menschen und das Kulturelle. Einfach diese Offenheit und Spontanität, aber vor allen Dingen die Mädels. Ich habe mir auch überlegt, ob ich diesen Sommer wieder mitfliegen soll, aber jetzt zurzeit werden keine neuen Personen entsendet. Das Ding ist, wir hatten einige Konflikte mit unserer Organisation und ich war nicht mit allem zufrieden. Aber ich würde jederzeit nochmal mitfliegen, um die Menschen wiederzusehen. Es ist einfach so schade, weil wir so wenig Zeit hatten und nur wenige Erinnerungen sammeln konnten, aber die, die wir gesammelt haben, waren wunderschön und bleiben mir für immer im Kopf. Wir haben uns alle nicht auf so einen frühen Abschied eingestellt. Mittlerweile stehe ich noch im seltenen Kontakt mit den Schwestern, um mit den Mädels vor Ort kommunizieren zu können, da sie leider keine Handys haben. Die Zeit war dort nicht lang, aber wirklich wertvoll.

Fünf Fakten über Mosambik

– Mosambik gehört zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt (Least Developed Countries).
– Mosambik war eine portugiesische Kolonie und erreichte 1975 die Unabhängigkeit.
– Die Flagge wurde von der alten Flagge der Freiheitsbewegung FRELIMO abgeleitet. Grün symbolisiert Landwirtschaft, Schwarz steht für den Kontinent, Gelb für Bodenschätze, Weiß für Frieden, Rot für den Kampf gegen die Kolonialstaaten. Dazu kommen Gewehr, Hacke und Buch. Es ist die einzige Flagge der Welt, die ein Kalaschnikow-Sturmgewehr darstellt.
– In Mosambik herrscht Linksverkehr.
– Ca. 40 Prozent der Einwohner sind Analphabeten.

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